Sportnation in Bestzeit

Katar auf der Zielgeraden

Spätestens seit Katar 2010 den Zuschlag zur Fußball Weltmeisterschaft FIFA World Cup 2022 erhalten hat, rückte das Emirat am Persischen Golf in den Blick der Fußball-begeisterten Weltöffentlichkeit. Wenn in sechs Jahren die Fußball-Nationen aus aller Welt nach Katar einfliegen, wird das Land mehr als ein Großereignis bereits ausgerichtet haben. Die Weltmeisterschaften in Leichtathletik, Radsport und Handball werden ebenso in Katar zu Gast gewesen, wie jährliche internationale Turniere es bereits regelmäßig sind: im Golf die PGA European Tour, im Motorsport die MotoGP, die IAAF Diamond League in der Leichtathletik, die ATP World Tour im Tennis und der Longines FEI World Cup im Pferdesport. Das Emirat, das es nicht ganz auf die Fläche Schleswig-Holsteins bringt, schickt sich an, Drehkreuz des internationalen Sports im Mittleren Osten zu werden.

Katar: ein Land richtet sich neu aus
Vision 2030: So nennt sich die strategische Grundlage des jungen Staates, die den Übergang vom Erdgas-Reichtum zu einer diversifizierten globalen Wirtschaft einleiten soll. In den Blick nimmt die nationale Strategie dabei alle Aspekte: die Gesellschaft, die wirtschaftlichen Kennzahlen und das internationale Miteinander. Sport spielt eine Rolle für alle davon.

Die auf der Vision 2030 basierende nationale Sport-Strategie beruht auf drei Säulen. Die erste Säule ist die  Förderung von Spitzen-Talenten im eigenen Land. Gefolgt von der Mobilisierung der breiten Bevölkerung für mehr Sport als zweiter Grundpfeiler. Und zum anderen umfasst sie jene dritte Säule, auf die aktuell die ganze Welt schaut: das Management und die Ausrichtung internationaler Sport-Events (2016 beispielsweise noch auf die UCI-Straßenrad Weltmeisterschaft). Um all das zu verwirklichen hat das Land einen Maßnahmenkatalog aufgestellt, der sich in die nationale Vision 2030 einreiht.

Identität schaffen
Katar hat sich innerhalb kürzester Zeit aus einer Beduinen-Kultur zu einer global agierenden Staats- und Wirtschaftsmacht entwickelt. In den 45 Jahren, die seit der Unabhängigkeit Katars vergangen sind, hat sich die Anzahl der Einwohner verzwanzigfacht, das Bruttoinlandsprodukt schoss, dank entdeckter Erdgas-Reserven, durch die Decke. Für die Identität der Kataris, die auf Traditionen und familiären Bindungen beruhte, begann eine Zeit des Wandels. Heute geht die katarische Jugend an Universitäten in aller Welt; die Hauptstadt Doha ist internationaler zusammengesetzt als viele andere Weltstädte. Die Identität der Kataris soll für die Zukunft neuen Halt finden. Internationale Spitzenleistungen im Sport sollen einen neuen Nationalstolz hervorbringen.

Keine einfache Aufgabe, bedenkt man, dass nur rund 250.000 Personen überhaupt die katarische Staatsbürgerschaft besitzen. Aber Mechanismen der Sportförderung fangen an zu greifen. Die Stars der Zukunft werden unter besten Trainingsbedingungen in der Aspire Academy ausgebildet, die Infrastruktur sucht international ihresgleichen, Sportler sind Vorbilder der Jugend. Die Verpflichtung ausländischer Stars in einheimische Mannschaften war nur Schritt eins der Begeisterung für Sport. Bereits jetzt wachsen einheimische Talente heran – gemeinsam mit einer ganzen Generation Sport-begeisterter junger Kataris.

Für die Weltöffentlichkeit begann spätestens 2014 ein Umdenken, als die U19 Katars Fußball-Asienmeister wurde. Zu dem Zeitpunkt begann Katar als ernst zu nehmende Sportnation auf den Radar zu rücken. Medien wie Zeit online wiesen in dem Zusammenhang erstmals darauf hin, dass alle Spieler gebürtige Kataris sind und aus der eigenen Sportförderung kommen. Und darauf, dass  bei dieser Asienmeisterschaft eine Mannschaft auf dem Platz stand, die die WM Generation von 2022 stellen wird.
Für die Identität der jungen Nation gibt der Sport bereits jetzt neue Impulse. Sportliche Spitzenleistung stiftet Identität und entfaltet eine Sogwirkung der Begeisterung für Sport in Katars Bevölkerung, die noch aus anderen Gründen hochwillkommen ist.

Sport als Gesundheitsprogramm
Katar, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit (2015 laut Weltbank rund 125.000 Euro), teilt die Probleme moderner Industrienationen. Drei von vier Kataris leiden unter Übergewicht. Ernährung und Lebensstil begünstigen Zivilisationskrankheiten: Bluthochdruck und Diabetes sind in den Statistiken auf dem Vormarsch. 2012 veröffentlichte der katarische Gesundheitsreport eine Diabetes-Rate von 17 %. Sie liegt damit etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Gleichzeitig veröffentlicht die landesweite Untersuchung Zahlen zu regelmäßiger Bewegung, die mit 45 % bei den Frauen und 62 % bei den Männern die verbesserungswürdigen Ausgangswerte der Sportstrategie bilden. Die Zahlen sollen sich bessern. Breitensport ist dafür ein wichtiger Faktor. Und nicht nur die Identifizierung mit Sport-Stars aus dem eigenen Land oder mit gesponserten internationalen Spitzen-Clubs ist ein Motivator. Auch der Bau modernster Sportstätten und die Einrichtung von Bildungsprogrammen, die schon bei den kleinsten Kataris ansetzen, sollen helfen, die Bevölkerung gesund in die Zukunft zu bringen. Auch ein eigener Feiertag wurde geschaffen. Am Qatar National Sports Day dreht sich seit 2012 jedes Jahr für einen Tag alles rund um Sport.

Wirtschaftsfaktor Sport
Eine der Zukunftsvisionen, die mit dem Sport verbunden sind, ist Katar als Tourismus-Destination aufzustellen. Schon jetzt kommt der FC Bayern bereits seit sechs Jahren ins Wintertrainingslager nach Katar. Auch andere Vereine buchen sich längst in die modernen Anlagen ein. Hinzu kommen Besucher, die zu den internationalen Großereignissen anreisen. Allein für die WM 2022 rechnet man in Katar mit bis zu 1 Million Fans. Für ein Land, das seine auf Gas basierende Wirtschaft in Zukunft neu strukturieren will, ist das eine interessante Perspektive. Für die westliche Welt dagegen ein Spiegel, der zeigt, wie global Sport längst als Wirtschaftsfaktor genutzt wird. Bewarb man in Deutschland die WM im eigenen Land noch als die „Welt zu Gast bei Freunden“, ändert sich der Ton, wenn es um Katar geht.

Der Tenor blieb lange eindeutig: Fußball, des Deutschen liebstes Kind, soll nicht im Wüstensand spielen. Europäische Medien berichten von Missständen auf WM Baustellen, noch bevor es die ersten WM Baustellen überhaupt gab. Unberücksichtigt blieb dabei, dass die Sportanlagen moderner, die Stadien mit neuesten Technologien kühler als in Europa und insgesamt Sport längst ein globales Wirtschaftsgut geworden ist. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bezifferte die Einnahmen UEFA allein über Bandenwerbung bei der Europameisterschaft 2016 auf rund 400 Millionen Euro. Unter den größten Werbern waren erstmals auch der chinesische Elektronikkonzern Hisense und das aserbaidschanische Energieunternehmen Socar. Mediale Aufmerksamkeit formt heute global ein Image mit. Zeit-und Klimazonen werden dabei spielend überschritten.

Katar bricht zu einem neuen Selbstverständnis auf: als Sportnation und Gastgeber friedlicher Großereignisse. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Quellen:
Weltbank
FAZ
AFC Asienmeisterschaft
Zeit online
Health Report
Sports Stragey


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