Katars Vision 2030

Damit das Gas keine Blase bleibt

Im Rückblick wirkt der Zeitpunkt sehr symbolisch, zu dem Katar seine langfristige Strategie zum Erhalt des Wohlstands veröffentlichte. Auf dem Höhepunkt der globalen Wirtschaftskrise stellte das Emirat im Oktober 2008 seine „Nationale Vision 2030“ vor. Die Welt hatte ihre Augen woanders: Erst im Monat zuvor war die amerikanische Großbank Lehman Brothers zusammengebrochen, die Finanzmärkte weltweit tobten. Mitten in dieser Geschichte der wackelnden Weltwirtschaft begann das Emirat Katar seinen strategischen Umbau der eigenen Wirtschaft unter dem Namen „Vision 2030“.

Wandel im Schnelldurchlauf
Die noch junge Geschichte Katars ist die eines Wandels im Schnelldurchlauf. Zum anvisierten Zielpunkt der nationalen Strategie, dem Jahr 2030, wird das Emirat innerhalb von nur 100 Jahren grundlegende Umbrüche durchgemacht haben. Von einem Küstenstrich der Perlentaucher über den beispiellosen Öl- und Gas-Reichtum, bis hin zu Etablierung als internationale Drehscheibe für Bildung, Innovation, Entertainment und Sport. Der geplante Umbau der Wirtschaft soll aber nicht nur die Unabhängigkeit von den Öl- und Gasreserven des Landes einleiten, sondern auch einer Gesellschaft im globalen Kontext neue Stabilität geben.

Katar ändert sein Geschäftsmodell
Eine der vier Säulen, auf denen die Ausrichtung der nächsten Jahre basiert, ist die Diversifizierung der Wirtschaft. Die noch immer sprudelnden Einnahmen aus den Öl- und Gasreserven des Landes sollen es ermöglichen, von ebenjenen natürlichen Ressourcen in der Zukunft unabhängig zu werden. In Katar verlässt man sich also nicht auf den Zufall, was die Herausbildung zukünftiger Geschäftsmodelle angeht, sondern steuert mit gezielten Investitionen aus dem Gas-Reichtum in zukunftsträchtige Felder.

Zu den Maßnahmen des neuen Geschäftsmodells zählen Investitionen in Bildung und Forschung ebenso, wie in Technologie und Innovation. Als „knowledge hub“, Drehkreuz des Wissens, will sich Katar damit zukünftig positionieren. Die Startchancen sind gut. Immer mehr ausländische Spitzenuniversitäten haben Fakultäten in Dohas Education City eröffnet. Auch die Besuchszahlen internationaler Gäste steigen – und sollen es auch weiterhin. Denn für die Wirtschaft der Zukunft haben zwei Felder eine große Bedeutung: der zunehmende Aufbau von Tourismus und die Positionierung als Austragungsort großer Sportereignisse, Kultur-Events und Kongresse. Spätestens wenn Katar als erstes arabisch islamisches Land die Fußball Weltmeisterschaft 2022 ausrichtet, wird sich die volle Dimension dieses Plans zeigen.

Auch internationale Beteiligungen gehören mittlerweile fest zu dem Geschäftsmodell des Staates im Mittleren Osten. Erst 2016 sorgte die Nachricht für Aufmerksamkeit, dass Katar sich in der Besitzergesellschaft des Empire State Building in New York eingekauft hat. Seit dem Beginn der nationalen Strategie im Jahr 2008 hat die staatliche Qatar Investment Authority zunehmend auf Direktinvestitionen gesetzt. Die Konzerne Sainsbury’s in Großbritannien und Total in Frankreich sind nur einige auf der langen Liste der Beteiligungen der Qatar Holding. Im Volkswagen Konzern ist Katar mit 17% der Stimmrechte aktuell der drittgrößte Aktionär. Diese strategischen Investitionen sind in Europa gern gesehen, zielen sie doch nicht auf kurzfristige Einmischung sondern zeigen Katar als Investor, der sich auch für „die langfristige Entwicklung interessiert“, wie selbst Bundeskanzlerin Merkel anlässlich des Staatsbesuches des Emirs Scheich Al-Thani im September 2014 herausstellte.

Die Gesellschaft im Blick
Die wirtschaftlichen Ansprüche sind nicht die einzigen, die in der nationalen Vision 2030 formuliert sind. Auch den drei weiteren Säulen der sozialen, menschlichen und ökologischen Entwicklung widmen sich eigene Maßnahmen-Kataloge.

Innerhalb von nur drei Generationen hat sich Katar von einem Land der Beduinen-Stämme und Perlentaucher zu einem international agierenden Konzernlenker gewandelt. Die katarische Jugend ist hoch mobil, wird in Spitzenuniversitäten rund um den Globus ausgebildet und der Kontakt zum Westen könnte intensiver kaum sein. Für eine Gesellschaft, deren Werte traditionell auf der Rolle der Familie und ihrer arabisch-islamischen Identität beruhen ist dieser Wandel in so kurzer Zeit eine echte Herausforderung. Daher ist der Aspekt der Identitätsstärkung ebenfalls ein Resultat der Vision 2030 – von der stärkeren Rolle der Frau über die Identifizierung der jungen Kataris mit Stars aus den eigenen Sport-Teams, bis hin zu Museen und Architektur, die arabische Traditionen aufgreifen. All diese Maßnahmen zielen auch darauf ab, die Bevölkerung zu stärken.

Das setzt eine aktive Rolle der Kataris voraus, die von der Vision 2030 auch als Individuen in den Blick genommen werden. Denn die menschliche Entwicklung ist als eine der vier Säulen in der Strategie festgehalten. Dahinter steht zum einen der Zugang zu umfassender Bildung als Ressource der Zukunft. Zum anderen spielen die Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe der Bevölkerung eine Schlüsselrolle. Diverse Initiativen sollen die Kataris für mehr Bewegung und Sport begeistern und dadurch helfen, die Zivilisationskrankheiten moderner Industrienationen in Schach zu halten. Und schließlich gehören zur menschlichen Entwicklung nach der Vision 2030 auch motivierte und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Wie zahlreiche Nachbarstaaten hat auch Katar ein Programm, um seine Staatsbürger in verantwortungsvolle Positionen zu bringen. Für die sogenannte Quatarization haben alle Unternehmen und Organisationen eigene Programme laufen. Diese Positionen wurden lange aufgrund der rasanten Entwicklung der Region in vielen Bereichen mit Experten und Fachkräften aus aller Welt besetzt. Aktuell sind von den rund 2,5 Millionen Einwohnern des Landes nur etwa 10% katarische Staatsbürger, wie das Ministerium für Entwicklungsplanung und Statistik veröffentlicht.

Die Zukunft des Plans
Für den Erfahrungshorizont westlicher Staaten mag das so konsequente Lenken der Entwicklung eines ganzes Landes befremdlich erscheinen. Vor dem Hintergrund, dass das aktuelle Wirtschaftssystem durch die Endlichkeit der Ressourcen wie Gas und Öl nicht bestehen bleiben kann, scheint es verglichen mit der Reaktion anderer Länder geradezu visionär.  Die zukünftige Entwicklung bekommt ihre Anschubfinanzierung aus dem aktuellen Wohlstand. Ihr Name: Vision 2030.
Im Interview mit CNN Reporter-Legende Richard Quest bringt Sheika Mayassaa, Vorsitzende der Museumsbehörde Katars und Schwester des Emirs diesen Ausgangspunkt auf den Punkt: „Es ist definitiv ein Geschenk: Ohne die Bodenschätze, könnten wir all das nicht umsetzen, was wir heute tun“.

Quellen:
CNN (Scheika Mayassa Interview mit Richard Quest)
Ministry of Development Planning and Statistics (Vision 2030)
Volkswagen
Bundesregierung Pressekonferenz Merkel und Al-Thani


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